Gestern im VR-Café 

Virtual-Reality nämlich. Alter Verwalter… da kommst du rein, denkst dir erstmal, was sind denn das für Nerds, da gehör ich jedenfalls sicher nicht hin und so. Stehn die vereinzelt herum mit so einer riesigen Brille am Hirn und in jeder Hand einen Controller oder wie das heißt und schaun aus wie die größten Dödels überhaupt. Da bewegen sie sich so ein bissl auf ihren drei Quadratmetern und du siehst auf dem Bildschirm, was der Spieler sieht, nur anders als der selbst, siehst du ja vor allem den Spieler von Außen, der in jedem Fall, auch wenn er sich wahrscheinlich cool vorkommt und ein richtig guter „Gamer“ is, in echt wie ein Eierkopf ausschaut, die nichtvorhandene Waffe am nichtvorhandenen Gürtel ladend und so. Da krieg ich direkt so ein Dystopie-Gefühl. Jaja, denk ich mir, traurig, wie weit wir schon gekommen sind. Früher haben sich die Menschen noch zu Spieleabenden getroffen, oder was weiß ich, eine Runde Ochs-am-Berg. Da gab’s noch Reibung, Interaktion, blaue Flecken und so. Jetzt, in der Zukunft quasi, steht da jeder für sich, ballert auf was das gar nicht da ist, ihm aber vermutlich realer vorkommt als die echte Welt. Das einzige, was mir Hoffnung macht, ist eben, dass er dabei so übertrieben vertrottelt aussieht. Solange also immer jemand da ist, der das von Außen beobachtet, kann nicht soviel passieren- richtig gefährlich wird’s wahrscheinlich erst, wenn alle gleichzeitig eine Brille aufhaben und’s deshalb keinen mehr gibt, der mit dem Finger draufzeigt und sich abhaut. Überleg ich mir also alles, während ich versuche, mich auf die Einschulung-für was welcher Knopf am Controller ist-zu konzentrieren. Gar nicht so kompliziert wahrscheinlich, also es gibt hinten für den Zeigefinger was zum schießen, dann links für den Mittelfinger was zum greifen (Autotüren aufmachen, Sachen vom Boden aufheben und so), dann wichtig so ein kleiner für den Daumen zum gehen und noch ein großer drunter, da fällt das leere Magazin aus der Waffe und dann Bewegung zum Gürtel und ladet schon nach. Aha. Wie er sich das vorstellt, dass ich da gehe durch Knopfdruck und dafür unterdrücke in Echt zu gehen, frag ich unseren Betreuer. Er meint, das würde sich ganz von allein ergeben, außerdem gibt’s ein Gitter, dann in virtuell, das die Begrenzung vom echten Spielraum anzeigt. Der hat mir eindeutig noch nie beim MarioKart spielen zugeschaut. Da lenk ich nämlich auch mit dem ganzen Körper, dass es mich grad und grad nicht von der Couch haut und dabei seh ich sogar jederzeit genau wo die aufhört. Und dann geht’s schon los. Schuhe aus und auf den Teppich. Ich bin schon ein bissl aufgeregt, irgendwie kann ich mir das alles nicht so recht vorstellen. Dann gleich der erste Schock, darf meine Freundin und Gleichgesinnte im Kampf gegen die Zombies nicht auf das selbe Teppichareal wie ich. Die kriegt ihren eigenen Teppich einen halben Raum weiter. Ich protestiere. Das mit dem Alleinsein war so nicht ausgemacht. Der Erklärungsdude erklärt, während er mir die Brille aufsetzt, dass wir ja virtuell eh zusammen sind und uns auch sprechen und hören können über das in der Brille integrierte Headset. Da steh ich schon in der Wüste auf irgendeinem Felsen. Mutterseelenallein. Ich ruf nach meiner Freundin. Die kriegt ihre Brille erst aber hört mich auch so. Ich betrachte meine Hände. Die sind irgendwie schirch und bei den Handgelenken abgehackt und schweben da so in der Luft. Ich schau an mir hinunter. Füße oder sonst irgendwie Körper hab ich offensichtlich keinen. Der Dude sagt, ich solle mich mal umschauen. Ich erschrecke. Ich mein, man muss sich vorstellen, ich steh da allein unter freiem Himmel, in Arizona vielleicht und über mir kreist der ein oder andere Geier durchs Blau und plötzlich ist direkt neben mir klar und deutlich eine Stimme, die keinen Körper hat aber eindeutig zu mir spricht und mir Anweisungen gibt. Zu der Kiste links und mir die Waffe nehmen, die da drin ist, sagt die Stimme. Mach ich das halt und sofort grünes Gitter. Mit dem Knopf gehen, nicht mit den Beinen. Ich hab ihn aber gewarnt, sag ich nach rechts zum Felsen, wo die Stimme herkommt. Dann also Waffe mit Greifknopf aus Kiste nehmen. Ich schreie. Steht plötzlich direkt neben, fast ein bissl in mir eine irgendwie krumme hässliche Gestalt mit einem komisch rußigen Gesicht, unstylischen Klamotten und einem Bauarbeiterhelm. Ich schieße sofort drauf los. Dass das meine Partnerin ist, sagt die Stimme. Ich muss lachen und frag meine Freundin, warum sie so scheiße ausschaut und dass sie mal aufrecht stehen könnte. Sie antwortet irgendwas mit Glashaus, wahrscheinlich sieht hier jeder Avatar gleich aus. Sie geht voran Richtung Treppe in den Canyon, ich hintendrein bis zum Gitter. Dann erinner ich mich an den Bewegungsknopf und schieß meiner Freundin in den Hinterkopf. Ich entschuldige mich kichernd. Man kann seine Partner nicht umbringen, was ich sehr intelligent programmiert finde, vor allem, wenn die als Zombies getarnt sind. Dann kommen auch schon die echten Zombies. Da erkennt man nun doch einen Unterschied, das sind nämlich großteils blutige, mitunter leicht angefaulte Frauen in Bikinis. Weit und breit kein Wasser übrigens, also für was die sich da vor ihrem Ableben angezogen haben, würd ich gern mal wissen. Ich frage die allwissende Stimme auf dem Off. Sagt irgendwas von irgendwelchen Männern, die sich sowas ausdenken. Aha, sag ich und schieß einer weiteren Bikini-Zombie-Frau ins Gesicht, bevor sie meine Freundin zerfleischt, die gerade abgelenkt ist, weil sie im Kofferraum eines Polizeiautos Munition gefunden hat. Irgendjemand muss es ja tun.

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